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Danke, Social Media

Foto von pixabay.com
Berufsbedingt stehe ich sozialen Medien eher kritisch gegenüber. Nicht nur wegen der Gruppen und Hashtags, die anorektische Körperideale feiern oder hilfsbedürftigen Menschen falsche Unterstützung anbieten. Auch nicht nur wegen des Hasses und der Shitstorms, die manch einer, geschützt durch Anonymität, im Netz verbreitet. Nein, gerade wegen der wunderschönen Auszüge unserer Leben, die wir mit der ganzen Welt teilen, betrachte ich soziale Medien teilweise argwöhnisch.

Ich möchte den allermeisten Profilen gar nicht vorwerfen sich selbst zu inszenieren, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie das aus böser Absicht tun. Ich glaube, dass wir lieber die schönen Seiten des Lebens mit der Außenwelt teilen als die weniger schönen. Wir posten lachende Gesichter lieber als traurige und dagegen ist auch gar nichts einzuwenden - Solange wir Zuschauer uns bewusst machen, dass jedes Bild und jeder Beitrag eine Momentaufnahme ist. Eine Momentaufnahme, die derjenige selbst ausgewählt hat zu veröffentlichen.

Wie sieht denn das wahre Leben aus? Besteht es wirklich nur aus lachenden Kinderaugen, aufgeräumten Kinderzimmern im skandinavischen Look und Müttern, die so überzeugt und kompetent Mama sind, dass man direkt bei ihnen in die Lehre gehen möchte? Wo sind die Eltern, die es schwerer haben, die zweifeln, wo sind die Familien mit Besonderheiten, die offen dazu stehen?

Ich hätte es nicht für möglich befunden, dass ich durch diesen Blog und das zugehörige Instagram Profil Menschen kennen lernen würde, die mir so ans Herz wachsen. Bei denen ich mitfiebere, ohne je ein hörbares Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, über das Teilen und Nennen meiner Beiträge. Aus Fremden wurden Menschen, die bei unseren Fortschritten die emoticon-Sektkorken knallen lassen und virtuelle Taschentücher in Krisen bereit halten. Die mich, meine Gedanken und Gefühle verstehen. Ich freue mich darüber, wie wir zusammenwachsen und zusammenhalten.

Niemand weiß meine Konfektionsgröße, ob ich groß oder klein, dick oder dünn, bin. Ob ich lange oder kurze, blonde oder braune Haare habe. Ob ich gängigen Schönheitsidealen entspreche und ob ich eher eine laute oder leise Stimme habe. Ich mag die Vorstellung, dass Menschen, die mich hier kennen lernen, mit kaum einem visuellen Bias meine Gedanken erfahren. Ich finde es wahnsinnig aufregend, dass dieser ehrliche Kontakt selbst in einem so bildlastigen Forum wie Instagram möglich ist.

Und trotzdem würde ich mit euch gerne manchmal unser Lachen teilen, wenn Marie und ich spielen. Ich würde euch gerne diese unbändige Freude zeigen, die sie ausstrahlt und die einen ansteckt, (mindestens innerlich) mit zu hüpfen. Ich würde euch auch gerne Videos von Verhaltensweisen zeigen, die ich nicht verstehe. Ich würde gerne die Autist*innen und erfahrenen Eltern unter euch fragen, was sie glauben, was mir Marie damit zeigen will. Und ich würde gerne für diejenigen Mamas und Papas, die gerade an ihren Fähigkeiten zweifeln und die sich verlassen fühlen mit ihren Problemen, unsere Tränen und Ausnahmezustände filmen, damit sie wissen: "Ihr seid nicht alleine."

Einen Blog zu schreiben und ein anonymes Instagram Profil zu führen, ist mein Schritt unser Leben mit Autismus in die Welt zu tragen. Ich bin gespannt, wo mich die Reise hinführt und dankbar für all den Zuspruch, den ich bisher dafür erfahren durfte.

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