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Über Freude

Photo by Bekka Mongeau from Pexels
Eigentlich wollte ich in dieser Gefühlsserie primär über meine Gefühle und Empfindungen als Mutter schreiben, denn ich mag mich gar nicht anmaßen zu behaupten, dass ich alle Gefühle meiner Tochter kenne. Egal wie gut ich mein Kind beobachte, so wenig kann ich dann doch in ihren Kopf schauen (rw). Bevor ich jedoch diesmal mit dem Thema Freude beginne, möchte ich mit dem Autismus-Klischee Nr. 174 aufräumen und festhalten: Meine Tochter kann sich freuen. Und zwar so richtig! Das ist diese Freude, die beginnt im kleinen Zeh und endet in den Haarspitzen. Da wird gehopst, gestrahlt und laut gelacht. Diese Freude ist so rein und überschäumend. Ich kenne niemanden, der bei dieser Freude nicht mitlachen musste.

Die "Hier-und-Jetzt Freude" 

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Als ich diesen Artikel schrieb, habe ich lange nachgedacht, ob und wie sich die Freude, die ich im Alltag empfinde, von denen anderer Mütter unterscheidet. Folgende Erkenntnis: Ich glaube nicht, dass ich mich seltener freue. Ich glaube aber, dass ich mich über andere Dinge freue. Mittlerweile erlebe ich diese Freude über die kleinen Dinge des Lebens als etwas befreiendes.

Ich weiß nicht, ob es allgemein an der Menschheit, meiner Generation oder Social Media liegt, aber mein Eindruck ist, dass wir uns schwer damit tun, uns einfach nur an einem Augenblick zu erfreuen. Stattdessen wollen wir viel zu schnell „immer mehr“ davon, bekommen quasi nie genug. Der Urlaub an der Ostsee reicht nicht, es muss mindestens die DomRep sein. Die Kinder sollen zur Babymassage/ Pekip/ Singkreis/ Babyschwimmen/ Kinderturnen/ musikalischen Frühförderung. Kaum hat ein Kind Xy geschafft, steht schon der Vergleich im nächsten Kompetenzbereich an. 

Maries Diagnose hat uns geholfen, inne zu halten und das Glück im Alltag und der Langsamkeit zu suchen und dabei weniger nach rechts und links zu schauen, mehr auf uns. Ich kann mich mittlerweile an so vielen Details des Lebens erfreuen. Das sind - nicht nur, aber auch - die Kleinigkeiten, die für andere selbstverständlich sind. Marie läuft Hand in Hand mit mir nach Hause? Großartig! Marie lässt sich die Zähne putzen? Wow! Marie zieht alleine die Schuhe aus? Juhu! Und dazu noch nach Aufforderung ins Schuhregal geräumt! Jippijajey!

Die großen kleinen Alltagsfreuden

Wer mir auf Instagram folgt, kennt sie ja: die Auszüge meines Positivtagebuchs. Würde man ausschließlich diese Jubelmomente betrachten, man könnte vielleicht meinen, ich schwebte immer strahlend und positiv durch das Leben. Ist nicht so, wirklich nicht. Aber ich habe mich entschieden, genau diese kleinen Momente einzufangen, aufzubewahren und immer wieder anzuschauen. Dabei ereignete sich auch ein wichtiger Perspektivenwechsel, der mir vor gar nicht allzu langer Zeit noch misslang. Wenn Marie vor einem Jahr ein Wort aussprach, nahm ich das zwar freudig zur Kenntnis, traute mich aber nicht, mich so recht zu freuen. Zu häufig waren Wörter wieder verschwunden. Ich freute mich also eher mit "angezogener Handbremse" (rw), bis mir der Gedanke kam: Stell dir vor, Marie würde dieses Wort nur ein einziges Mal in ihrem Leben aussprechen, eben nur heute, und du, du würdest das nicht feiern mit Sektkorken knallen und Jubelrufen? Wieso sollte ich mich erst freuen dürfen, wenn ein Etappenziel erreicht ist? Richtig, macht wenig Sinn.

Natürlich feiern wir auch die großen Meilensteine des Lebens. Vermutlich freut sich jede Mutter, wenn ihr Kind das erste Mal „Mama“ sagt. Die Freude, die ich empfand, als Marie mich das erste Mal bewusst rief (sie war damals 28 Monate), die ist so groß, die würde hier selbst in Großbuchstaben und in größter Schriftgröße keinen Platz finden. Und: auch noch ein Jahr später hüpft mein Herz (rw) jedes Mal, wenn Marie mich mit „Mama“ anspricht. Jedes. Einzelne. Mal. Ich glaube, ich freue mich also nicht nur über andere Dinge, ich freue mich auch bewusster und länger, als ich mich vielleicht früher gefreut hätte.

„Emotionales Aufrunden“ 

Manchmal lohnt es sich dann doch auch auf die Metaebene zu gehen. Mit meinen Patienten mache ich das, wenn ihnen der Blick für das Große Ganze fehlt. Wenn sie nach kleinen Etappensiegen ein „Ja aber“ einschieben. Genau dann ist es Zeit "emotional aufzurunden" und anzuerkennen, für was das Geschehene eigentlich steht.

Wie sehr wurde mir erst letztens bewusst: Ein Freund war zu Besuch und verbrachte den Nachmittag mit uns. Als die Kinder schliefen, schwärmte ich: „Ach, ich bin so glücklich, wie viel Marie mittlerweile spricht.“ Besagter Freund antwortete (nicht böswillig oder kritisch, nur nachfragend): „Aber sie spricht noch nicht wirklich, oder? Also sie macht ganz toll diese zielgerichteten Laute, aber ganze Wörter spricht sie nicht...oder?“ Ich hielt kurz inne und stimmte ihm zu - ohne beleidigt zu sein oder ähnliches, denn er hat ja recht. „Sprechen“ im Sinne von „so sprechen Kleinkinder“ kann Marie noch nicht. Sie spricht weder wie eine altersgemäß entwickelte Dreijährige, noch Zweijährige, noch Anderthalbjährige. Sie spricht Marie-Style. Aber in dem Moment, in dem ich es als sprechen bezeichne, erkenne ich an, was sie leistet, welchen „Sinn“ ihr Verhalten hat. Das ist schön, für sie wie für mich.

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