Direkt zum Hauptbereich

Wut

Photo by freestocks.org from Pexels
Wut, die stärkere Form des Ärgers, ist, so mein Empfinden, eines der Tabuthemen schlechthin. Und damit meine ich nicht die Wut auf die Gesellschaft, Behörden, Ämter und Ärzte (vermutlich wird fast jeder, der sich intensiver mit dem Gesundheitswesen auseinander setzen musste, diese Situationen kennen), nein, ich meine die Wut auf das Kind. Was? Wütend auf ein Kind sein? Dass doch gar nichts dafür kann? Um Gottes Willen!


Ich weiß, dass dieser Post vielleicht harte Kost sein mag, aber vielleicht ist er daher genau so wichtig.
Meine Haltung als Psychotherapeutin ist immer "Alle Gefühle sind erlaubt" (nicht zu Verwechseln mit "Alle Verhaltensweisen sind erlaubt"). Davon bin ich überzeugt, denn Gefühle, so unangenehm sie auch sein mögen, haben eine Funktion. Den meisten Menschen fällt es noch leicht herauszufinden, warum ein Mensch Angst hat (klar, die schützt einen vor Gefahren), welche Funktion Freude, Traurigkeit, Wut oder Schuldgefühle haben sollen, bedarf dann schon mehr Überlegungszeit.

In der bedürfnisorientierten Szene lese ich oft, dass, wenn Eltern Wut auf ihr Kind erleben, es sich um eigene Erziehungserfahrungen handele, es also ein "altes Gefühl" sei. Das mag bei manchen Personen durchaus zutreffend sein. Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht und glaube, dass das bei mir jedoch nicht zutrifft. Ich glaube eher zu einer Lösung zu kommen, wenn ich mir die Funktion der Wut anschaue. Und Wut ist ein so wichtiges Gefühl! Wut signalisiert uns (und anderen), dass unsere Grenzen überschritten wurden. Grenzen erkennen wiederum ist etwas so Elementares, denn nur wer seine Grenzen kennt, kann auch selbstfürsorglich handeln. Wenn mir Patienten daher von ihrem Ärger berichten, frage ich sie zuerst, welche Grenze bei ihnen überschritten wurde.

Kinder überschreiten unsere Grenzen. Sie machen das nicht absichtlich. Das heißt aber nicht, dass es nicht trotzdem eine Grenzüberschreitung ist. Wo die Grenze verläuft ist von Person zu Person und von Situation zu Situation unterschiedlich.

Ich ärgere mich beispielsweise sehr, wenn Marie zum 180. Mal ihren Teller runter wirft. Morgens reagiere ich noch entspannt, abends, wenn meine Kraftreserven aufgebraucht sind, nicht mehr. Und alleine dieser Umstand zeigt, dass ich lernen muss, besser meine Kräfte einzuteilen, damit ich auch beim 181. Mal ruhig und bestimmt Marie erklären kann, dass die Teller auf dem Tisch bleiben. Es hat sich bei uns bewährt, dass Tim und ich uns in solchen Phasen mit den Kindern abwechseln. Kommt man neu in die Situation, beliebt man gelassener - und dass dies einen positiven Effekt auf das Kind hat, brauche ich gar nicht erwähnen.

In der Psychotherapie spielt noch eine weitere Funktion der Wut eine große Rolle. Wut schützt einen manchmal vor noch unangenehmere Gefühlen. Sie ist dann eine Art Selbstschutz. Manchmal lohnt es sich also hinter die Wut zu schauen und sich zu fragen: „Wenn ich die Wut zur Seite schieben könnte, welches Gefühl würde dann erscheinen?“. 

Bei mir ist das Gefühl, was ich am schnellsten mit Wut überdecke, die Hilflosigkeit. Hilflosigkeit, das empfinde ich als so unendlich unangenehm, da habe ich scheinbar gelernt, lieber wütend zu sein. Ein Beispiel: Marie und Paula sitzen im Fahrradanhänger. Marie zieht immer wieder an Paulas Haaren, lacht dabei, während Paula schreit. Ich erkläre, gebärde, biete Handlungsalternativen, ermahne... egal welche Strategie ich anwende, Marie hört nicht auf. Es scheint sie zu faszinieren, wie Paula und ich reagieren. Ignorieren kann ich es nicht, unterbinden in der Situation aber auch nicht. Meine Wut wird größer, und damit meine ich eigentlich meine Hilflosigkeit. Ich mache doch „alles richtig“ und trotzdem hört Marie nicht auf. Dieser Schritt - Erkennen, dass hinter der Wut eigentlich Hilflosigkeit steckt - ist wichtig, denn nur so kann ich mich mit dem eigentlich entscheidenden Gefühl auseinandersetzen. 

Kommentare

Beliebte Einträge

Über das Selbstwertgefühl bei (neurodivergenten) Kindern

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin kommt bei fast allen Patient*innen früher oder später das Thema Selbstwertgefühl zur Sprache. Zu Hause als Mutter frage ich mich, wie ich meine autistische Tochter darin unterstützen kann, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln- in einer Welt und einem Alltag, der ihr immer wieder zeigt, dass sie "anders" ist.  Eine kleine, aber wichtige Alltagsbeobachtung Letzte Woche bei der Ergotherapie beobachtete ich folgende Szene: Eine Mutter unterhielt sich in Anwesenheit ihrer ca. siebenjährigen Tochter über die Therapiestunde mit der Ergotherapeutin. "Sie hat sich heute richtig gut konzentriert", meinte die Therapeutin und die Mutter antwortete: "Oh wie schön, dann hatte sie heute also einen guten Tag."  Warum schreibe ich über diese Beobachtung und was hat sie mit Selbstwertgefühl zu tun? In der Psychologie sprechen wir von Attributionen, also von Ursachenzuschreibungen. Es ist ein spannendes Feld, denn e...

Über Antworten, die zu einfach sind um wahr zu sein oder Die Frage nach der Schuld

Photo by  Teodor Savin  from  Pexels Gestern stieß ich auf eine Beratungsseite, die erklärte, die Ursachen für das Ausbrechen von chronischen Krankheiten genauso wie Autismus, ADHS und Ähnlichem seien Entwicklungstraumata, die wir Eltern (möglicherweise unbewusst und ungewollt) unseren Kindern antäten. Mich machen solche pseudowissenschaftlichen, hysterischen und schuldzuweisenden Aussagen unfassbar wütend. Und während dieser Account sicher extrem in seiner Sicht ist, so ist er gleichzeitig auch nicht allzu weit von dem entfernt, was ich auf anderen sozialen Kanälen lese. "Wenn du dein Kind nach xy erziehst, dann wird alles gut werden", so, mehr oder weniger, lautet die Botschaft vieler großer Accounts. Diese Aussagen, sie funktionieren ganz wunderbar für unser Ordnung- und Einfachheit liebendes Gehirn. Wenn-Dann-Aussagen geben Sicherheit und Kontrolle, und so unangenehm Schuld auch sein mag, so angenehm ist die Vorstellung, es wieder gut machen, ja, retten, z...