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Kliniktagebuch: Die letzte Woche und Fazit


Und da ist die Zeit im schönen Allgäu schon wieder vorbei. Aus der anfänglichen Sinnkrise entwickelten sich Routinen und vorsichtige Zuversicht. Tja, und plötzlich ist man so eingespielt und angekommen, dass man kaum nochwill. Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Was Marie gelernt hat

Als wir uns für eine Reha entschlossen, hatten wir natürlich im Sinn, dass Marie interdisziplinär gefördert werden sollte. Während man bei Adipositas anhand des Gewichts und Essverhaltens Therapieerfolge messen kann, ist das in der Sprachentwicklung etwas schwieriger, zumindest wenn man noch so weit am Anfang steht wie wir. Ich glaube, einer der größten Erfolge ist, dass Marie trotz der neuen Umgebung und der vielen Reize ihre Sprechversuche nicht wieder eingestellt hat. Sie sagt weiterhin ihre "Einsilbwörter" und es kamen sogar noch mindestens 10 weitere Wörter/Laute hinzu. Ihre Sprache bleibt für andere unverständlich, aber wenn sie zu Routern jetzt "Uto" und zu Steckdose "Stkek" sagt, dann sind das in unserer Welt Meilensteine. Ihr müsstet das Strahlen meiner Tochter sehen,wenn sie etwas sagt und ich es verstehe. Ich glaube, dieses Lachen ist die beste Medizin.
Ein riesiger Erfolg ist außerdem, dass Marie Sprache jetzt in Unterhaltungen einsetzt. Ein Beispiel: Ich bitte Paula ihre Socken auszuziehen, damit sie nicht hinfällt. Darauf meint Marie „Aua!“, ich antworte „Genau, hinfallen macht Aua!“ und Marie klatscht vor Freude in die Hände.

Von der Sozialpädagogin gab es dann enttäuschendes Feedback. Sie habe keinen Kontakt zu Marie finden können. Marie habe sich nicht auf ihre Spielangebote eingelassen, sei ständig aufgestanden, habe nur ihr Ding gemacht. Sie fragte mich eher ungläubig, wie das denn bei uns zu Hause sei. Und BÄM!, die Aussagen hauen mich um und tun so verdammt weh. Natürlich weiß ich, dass es für manche (wenngleich auch sicher nicht alle!) Menschen schwieriger ist einen anhaltenden Kontakt zu Marie zu bekommen - sie hat die Diagnose Frühkindlicher Autismus schließlich nicht beim Dosenwerfen auf dem Jahrmarkt gewonnen. Gleichzeitig denke ich, dass es auch nicht Maries Verantwortung ist, eine gute Beziehung zur Therapeutin aufzubauen, sondern andersherum. Das Arbeiten mit Kindern (und Autisten im Besonderen), erfordert die richtige Kompetenz in diesem Bereich.

Was ich gelernt habe

Ich durfte hier viel über mich, mein Erziehungsverhalten und meine Wünsche lernen. Manchmal tut es gut, wenn man sieht, wie gelassen man doch mittlerweile mit "Fehlverhalten" der Kinder umgeht. Ja, gerade auch durch den Vergleich mit anderen Eltern.
Ich habe gelernt, dass ich zu manchen Gruppen gar nicht zugehören möchte. Ich hatte ein super Trainingsfeld, um zu üben, weniger auf die Meinung Anderer zu geben. Wenn wir bei den Mahlzeiten so laut es ging "Buttaaaaaa" riefen, dann sah das sicher für einige befremdlich aus - Für uns war es ein #Jubelmoment. Natürlich hätte ich auch mal ganz gerne mit anderen Eltern einfach irgendwo gesessen und meine Kinder ihr Ding machen lassen. Aber ich habe verstanden, dass das eben nicht geht. Nicht nur wegen Maries Autismus, sondern auch, weil meine Kinder nach den vielen Eindrücken des Vormittags eben ihre Mama brauchten. Statt meine Kinder vor den Fernseher zu setzen, wollte ich lieber die Mutter sein, die gemeinsam mit ihren Kindern durch den Matsch springt. Dies ist für mich besonders bedeutsam, weil ich immer dachte, dass es keine Alternative in Bezug auf mein Verhalten gäbe. Doch, das gibt es, ich entscheide mich nur für eine andere.
Neben all diesen Gedanken fand ich auch die Schulungen interessant. Nicht immer waren es neue Inhalte, und dennoch tat es gut, sich das eigene Wissen nochmal vor Auge zu führen. Als unsere Psychologin am Ende meinte, dass sie mir persönlich leider nichts mitgeben könne, weil ich so kompetent, liebevoll und großartig mit meinen Kindern umgehe, hat sie mir damit dann doch etwas tolles mitgegeben: Das Gefühl, vieles richtig zu machen und auf mein Bauchgefühl hören zu dürfen.

Würde ich es wieder tun?

Ich glaube, wären nur Marie und ich hier gewesen, wir hätten die Reha gerockt. Dann hätte ich mich voll auf sie konzentrieren können und sie hätte alle Ruhe der Welt bekommen. Mit zwei Kleinkindern in Reha fahren ist auf jeden Fall eine Herausforderung, die man sich überlegen sollte, gerade wenn sie aufgrund ihres Alters, ihrer Persönlichkeit oder Diagnose nicht gut in eine Fremdbetreuung gehen können. Die Kinder brauchen einen noch mehr als sonst und man hat eben nicht die gewohnten Rückzugsmöglichkeiten.

Ohne Arroganz, sondern einfach weil ich wirklich stolz auf mich bin: Ein kräftiges, inneres Schulterklopfen für diese Zeit.

Würde ich Wangen für Kinder mit Autismus empfehlen? Puh, also wenn Sprachschwierigkeiten bestehen, bestimmt. Das Sprachkonzept war super und der Umfang für uns auch ausreichend. In den vorherigen Artikeln ist ja schon angeklungen, wie toll sich alle auf uns und unsere Bedürfnisse eingestellt hatten. Das war wirklich eine großartige Erfahrung. Unsere Psychologin meinte, dass ab November 2019 neue Autismus- Leitlinien verabschiedet würden und die Therapeuten aktuell zu Fortbildungen in einem Autismuszentrum angebunden sind. Vielleicht waren wir also zu früh, um autismusspezifische Themen zu bearbeiten. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja eines Tages wieder.

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