Direkt zum Hauptbereich

Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt- oder: Wir lernen Anziehen

Photo by mali maeder from Pexels
Manchmal sind Lösungen doch nahe liegend. Das heißt nicht, dass sie deshalb auch einfach umzusetzen sind. Und trotzdem (oder vielleicht auch gerade darum) freue ich mich, dass wir für eine unserer Herausforderungen eine so schöne Lösung gefunden haben.

Marie ist jetzt drei Jahre alt und benötigt beim An- und Ausziehen weiterhin viel Hilfe. Die Koordination fällt ihr schwer, aber vor allem hat sie keine Lust. Sie sieht, so scheint es mir, einfach nicht den Sinn darin. Und das viel vorgeschlagene "Aussitzen und Abwarten" ist nicht wirklich realisierbar, wenn man 1. zur Kita muss und 2. die Mama nicht mit unendlicher Geduld ausgestattet ist.

Was können wir also tun? 

Marie gab uns quasi die Antwort von selbst: "Wenn es mir Spaß macht, bin ich bereit zu lernen." Und was macht Marie Spaß? Fangen! Mir fiel auf, dass sie immer lachend vor mir weg rannte, wenn ich mit den neuen Kleidungsstücken ankam. Wir spielten also eine Runde Fangen und immer dann, wenn ich sie fing, zog sie ein Kleidungsstück aus bzw. an. Und schon ging die nächste Runde los. 

Dauert es länger? Ja! Starten wir damit besser gelaunt in den Tag? Doppel-Ja! Und lernt sie dabei sich anzuziehen? Doppelt und dreifach Ja!

Nun kann man natürlich einwenden, dass ich mir an diesem Punkt ganz schön auf der Nase rumtanzen (rw) lasse. Das mag vielleicht sogar stimmen. Ich kann nur meine Tochter nicht zwingen, sich anzuziehen. Ich könnte natürlich so etwas probieren wie "Wir gehen erst zum Spielplatz, wenn du angezogen bist." Das Problem: So schlimm fände das Marie eigentlich nicht. Paula und ich hingegen schon. Zusätzlich kann sich meine Tochter ja noch gar nicht anziehen, sie ist also auf Übung angewiesen. Anziehen ist für sie anstrengend und frustrierend- ich glaube, genau in solchen Momenten ist es wichtig, dass ich ihr entgegen komme.

Verziehe ich dadurch meine Tochter? Ich glaube nicht. Ich glaube  nicht, dass dieses Problem ewig Bestand haben wird: Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir dieses Spiel noch spielen werden, wenn Marie 13 Jahre alt ist. Und wisst ihr was: Sollte es doch so sein, dann ist es eben so. Sobald sie in der Lage ist, sich schnell und sicher Anzuziehen, können wir uns andere Optionen überlegen.

Ich verfasse dieses Artikel nicht, weil ich meine Idee wahnsinnig kreativ finde. Ich schreibe ihn, weil ich wieder einmal etwas gelernt habe: Man kann Kinder nicht zwingen etwas zu lernen. Autistische Kinder erst Recht nicht. Es ist unsere Aufgabe als Eltern, Pädagogen und Therapeuten herauszufinden, mit welchen Materialien und Interessen unsere Kinder lernen wollen. Und manchmal muss man dafür vielleicht Umwege gehen. 

Oder wie Mary Poppins eins sang:

"Denn was man voller Freude tut,

schmeckt uns wie Kuchen gut.

Ein Scherz ein Spiel,

dazu gehört nicht viel.


Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt,
rutscht sie gleich noch mal so gut.




Und baut ein Vögelchen sein Nest,

ganz früh es sein Baum verlässt,
sucht es unermüdlich Federn keim und Zweig.
Doch wird die Arbeit ihm zu Lust,
Dann singt es froh und selbstbewusst .

Es weiß ein Lied, das schafft ein Frohgemüt."  

Kommentare

Beliebte Einträge

Über das Selbstwertgefühl bei (neurodivergenten) Kindern

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin kommt bei fast allen Patient*innen früher oder später das Thema Selbstwertgefühl zur Sprache. Zu Hause als Mutter frage ich mich, wie ich meine autistische Tochter darin unterstützen kann, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln- in einer Welt und einem Alltag, der ihr immer wieder zeigt, dass sie "anders" ist.  Eine kleine, aber wichtige Alltagsbeobachtung Letzte Woche bei der Ergotherapie beobachtete ich folgende Szene: Eine Mutter unterhielt sich in Anwesenheit ihrer ca. siebenjährigen Tochter über die Therapiestunde mit der Ergotherapeutin. "Sie hat sich heute richtig gut konzentriert", meinte die Therapeutin und die Mutter antwortete: "Oh wie schön, dann hatte sie heute also einen guten Tag."  Warum schreibe ich über diese Beobachtung und was hat sie mit Selbstwertgefühl zu tun? In der Psychologie sprechen wir von Attributionen, also von Ursachenzuschreibungen. Es ist ein spannendes Feld, denn e

Die Sache mit der Nonverbalität

Image by  Gerd Altmann  from  Pixabay   Kinder beim sprechen lernen zu beobachten macht mir riesige Freude. Paula reißt die witzigsten Sprüche ("Mama sagt nein. Ich sage doch!") und immer größer werden die Einblicke, was in ihrem kleinen Kopf alles vor sich geht. Marie ist mit ihren bald 4 Jahren noch ein ganzes Stück davon entfernt, mir auf verbalem Wege sagen zu können, was sie beschäftigt. Jeder Zwei-Wort-Satz ist hart erkämpft und bleibt für Außenstehende doch oft unverständlich. Es bedarf viel Einfühlungsvermögen, viel genaues Hinhören und manchmal auch ein wenig Fantasie, um Maries Laute und Worte in einen Zusammenhang zu bringen. Anderen Eltern ist diese Problematik bewusst und können mitfühlen. Ich glaube jedoch, dass die tatsächlichen Schwierigkeiten, die durch eine Sprachentwicklungsverzögerung entstehen, oft anders, manchmal auch größer, sind als sich Nicht-Betroffene das vorstellen können. "Nur weil Marie nicht spricht, heißt es nicht, dass sie dich

Kliniktagebuch: Wochen 2 und 3: Ein Zwischenfazit

Nun ist die Reha schon fast wieder vorbei. Mittlerweile sind wir gut im Klinikalltag ankommen, auch wenn Marie häufig wenig Lust auf die Angebote hat und lieber kuscheln möchte. Durch liebevolles Zureden, Bildkarten und Erklärungen lässt sie sich aber meistens doch auf die Aktivitäten ein und hat dann viel Spaß daran. Auch sonst habe ich einiges beobachten und erfahren dürfen, was ich sicher ohne Reha nicht erkannt hätte - über Erziehungsstile, Kinderzeit und echte Teilhabe. Andere Eltern- andere Sitten Wenn ich durch Marie eines gelernt habe, dann, dass man nicht über einen Anderen urteilen soll. Jede Familie hat andere Stärken und Schwächen, hat andere Probleme und Ressourcen. Hier in der Rehaklinik sehe ich, wie weit das Spektrum ist ... damit meine ich nicht die Kinder, sondern die Eltern. Sie unterscheiden sich substanziell von der Blase, in der ich mich zu Hause befinde und es fällt mir wirklich schwer, sie nicht zu bewerten. Wer weiß, wie ich in ein paar Jahren als Mutter