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An die Erzieher, Ärzte und Therapeuten meiner Tochter

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Spätestens wenn Kinder in den Kindergarten gehen, lernen sie Menschen kennen, die dafür bezahlt werden auf sie aufzupassen. Für Kinder wie Marie, die verschiedene Baustellen mit sich tragen (rw), kommen außerdem Ärzte, Gutachter und Therapeuten hinzu. All diese Personen haben gemein, dass sie im Laufe ihrer Karriere einer Vielzahl von Kindern begegnen, das einzelne Kind also eines von vielen ist, und dass sie ohne den elterlichen "Hormon-boost" auskommen müssen, den (Groß)eltern beim Anblick ihrer (Enkel)kinder erleben. Wenn meine Kinder schwierig sind, sage ich gerne schulterzuckend zu meinen Freunden: "Oxytocin hilft."* Tut es auch, denn egal was kommt, die Liebe zu meinen Kindern ist immer spürbar.

Marie bringt gerade, so mein Eindruck, nicht nur mich an meine Grenzen. Sie ist wuselig, getrieben, haut und beißt. Für mich am allerschlimmsten: Ich vermisse dieses ansteckende, zutiefst ehrliche Kinderlachen, ihre funkelnden Kinderaugen, ihre Leichtigkeit. Den Schmerz, den Tim und ich dabei empfinden, er ist nicht in Worte zu fassen. 

Maries Erzieher leiden anders. Ihnen geht die Situation nicht so nahe, sie sind eher genervt von ständigen Regelverstößen, ihrer Unruhe, dem "Nicht-bändigen-Können". Zu einem gewissen Grad kann ich ihren Frust verstehen: Marie ist schließlich nicht das einzige Kind im Raum und jedes Kind hat Bedürfnisse, die erfüllt werden sollen. Aber auch die Ergotherapie stagniert, in der Frühförderung fliegen die Arbeitsmaterialien munter durch die Gegend. Warum das so ist, werde ich in einem anderen Post aufschreiben, aber heute geht es mir um etwas anderes: Meine Bitte an all diejenigen, die aufgrund ihres Arbeitsfeldes mit meiner Tochter in Berührung kommen.

Liebe Erzieher, Ärzte und Therapeuten,

nicht jeder von euch hat sich ausgesucht mit Marie zu arbeiten. Ich kann verstehen, dass ihr gerade frustriert seid von all dem Lärm, der zusätzlichen Belastung und den Regelverstößen. Vielleicht wünscht ihr euch ein einfacheres Kind. Glaubt mir: Den größten Frust über diesen Zustand habt weder ihr noch ich, sondern Marie. 

Marie ärgert euch nicht absichtlich (sie weiß noch gar nicht, was das überhaupt ist), sie testet Regeln nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie Ursache-Wirkung erkundet. Natürlich ist es ätzend, ständig zu ermahnen- aber stellt euch mal vor, ihr wärt in Maries Position und würdet den ganzen Tag ermahnt werden? Ich glaube, wir können uns einigen: Diese Rolle ist noch ätzender. 

Bo Hejlskow Elvén schreibt in seinem Buch "Herausforderndes Verhalten vermeiden": "Menschen,die sich richtig verhalten können, tun das auch."

Vielleicht hilft euch dieser Satz. Vielleicht hilft es euch auch, zu überlegen, warum Marie manches macht: Wirft sie die Gegenstände durch die Gegend, weil ihr langweilig ist, weil sie Aufmerksamkeit will oder vielleicht auch einfach, weil Werfen, Schwerkraft und der Krach des Aufpralls gerade wirklich faszinierend sind?

Darf ich euch die Frage stellen, wie viele positive Interaktionen ihr mit Marie kreiert? Von euch aus? Wann folgt ihr Maries Interessen? Wann sorgt ihr dafür, dass ihr gemeinsam lacht und Spaß habt? Könnt ihr euch ganz ehrlich die Frage stellen (ganz heimlich, muss ja keiner wissen), ob ihr noch die einfühlsame, Trost und Sicherheit spendende Beziehung zu meinem Kind habt, die ihr in euren Arbeitsleitlinien festgelegt habt? Und falls nein: Was könnt ihr tun, dass Marie sich bei euch wirklich wohlfühlen kann?  

Gerade weil es so schwierig ist gerade: Könnt ihr versuchen, euren Blick auch auf die Stärken und Jubelmomente meiner Tochter zu richten? Und wenn ihr schon dabei seid: Könnt ihr sie mit mir bei der Übergabe teilen? Ihr dürft mir glauben: Ein positives Wort von euch, und wir starten energiegeladen und optimistisch in den Nachmittag.

Ich weiß, ihr habt einen anspruchsvollen Job. Ich danke euch, dass ihr für unsere Kinder jeden Tag das Beste gebt. Ich verspreche euch, unsere Kinder werden es euch auf ewig danken,

Eure Sarah

*Oxytocin ist ein Hormon, welches für Vertrauen und Bindung verantwortlich gemacht wird.

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